Der Schofar und die Mauer

von Moshe Segal

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Die Westmauer vor 1967

Der heilige Tempel in Jerusalem wurde zweimal zerstört – durch die Babylonier im Jahr 423 vor der modernen Zeitrechnung und durch die Römer am gleichen Datum im Jahr 69 der modernen Zeitrechnung. Eine Mauer des Tempelareals ist erhalten geblieben als bleibendes Symbol des Besitztums des jüdischen Volkes über das Land Israel und die Stadt Jerusalem – diese Mauer heißt „Kotel haMaaravi“, die „westliche Mauer“.

Folgendes ist ein Ausschnitt aus den Memoiren des Rabbi Moshe Segal (1904-1985), eines Lubawitscher Chassids, der den Kampf, das Heilige Land von der britischen Herrschaft zu befreien, aktiv miterlebt hat:

In jenen Jahren, schaute der Platz vor dem Kotel ganz anders aus als heute. Nur eine enge Gasse trennte den Kotel von den arabischen Häusern auf der anderen Seite. Die britische Regierung hatte verboten, einen Toraschrein, Tische oder Bänke dort aufzustellen; nicht einmal ein kleiner Sessel konnte zum Kotel gebracht werden. Die Briten erließen auch folgende Anordnungen, welche die Juden am heiligsten Ort ihres Glaubens demütigten: Es war verboten, mit lauter Stimme zu beten, denn das könnte die arabischen Anrainer stören; es war verboten, eine Toralesung abzuhalten (wer beim Kotel betete, musste für die Toralesung eine der Synagogen im Jüdischen Viertel der Altstadt aufsuchen); es war verboten zu Rosch haSchanah und am Jom Kippur Schofar zu blasen. Die britische Verwaltung stationierte Polizei am Kotel, um diese Regeln auch durchzusetzen.

An jenem Jom Kippur [im Jahr 1930] betete ich beim Kotel. Während der kurzen Pause zwischen dem Musaf- und dem Mincha-Gebet, hörte ich Leute miteinander flüstern: „Wo werden wir den Schofar hören? Es ist unmöglich, hier Schofar zu blasen. Es sind so viele Polizisten da wie Betende …“ Der Polizeikommandant selbst war gekommen, um sicherzustellen, das die Juden nicht, G-tt behüte, den einen Schofar-Ton blasen werden, der das Fasten beendet.

Ich hörte dieses Geflüster und dachte bei mir: Ist es möglich, dass wir das Blasen des Schofars, das unsere Verkündigung der Herrschaft G-ttes begleitet, unterlassen? Ist es möglich, dass wir das Blasen des Schofars, das die Erlösung Israels symbolisiert, unterlassen? Gewiss, der Schofar-Ton am Ende des Jom Kippur ist nur ein Brauch, aber „ein jüdischer Brauch ist Torah“! Ich wandte mich an Rabbi Jitzchak Horenstein, der als Rabbiner unserer „Gemeinde“ fungierte und sagte zu ihm: „Gib mir einen Schofar.“

„Wozu?“

„Ich werde blasen.“

„Was redest du? Siehst du nicht die Polizei?“

„Ich werde blasen.“

Der Rabbi wandte sich schnell ab von mir, jedoch nicht ohne vorher einen Blick auf den Gebetsstand am linken Ende der Gasse geworfen zu haben. Ich verstand: Das Schofar war in jenem Stand. Als die Zeit zum Schofar-Blasen nahte, ging ich zu diesem Stand und lehnte mich an ihn an.

Ich öffnete den Schrank und liess den Schofar in mein Hemd gleiten. Ich hatte den Schofar, doch was, wenn sie mich erwischen würden, bevor ich eine Chance hatte, zu blasen? Ich war damals noch unverheiratet und gemäß dem aschkenasischen Brauch, trug ich keinen Tallit. Ich wandte mich an den nächsten, der neben mir betete und bat ihn um seinen Tallit. Mein Ersuchen muss ihm seltsam vorgekommen sein, aber Juden sind ein hilfsbereites Volk, ganz besonders an den heiligsten Augenblicken des heiligsten Tages, und er gab mir seinen Tallit, ohne ein Wort zu verlieren.

Ich hüllte mich in den Tallit. In diesem Moment fühlte ich, dass ich meine eigenen privaten Raum geschaffen hatte. Rundherum schafft eine fremde Regierung an, herrscht über das Volk Israel sogar an seinem heiligsten Tag an seinem heiligsten Ort, und wir haben nicht die Freiheit unserem G-tt zu dienen; aber unter diesem Tallit ist ein anderer Raum. Hier bin ich unter keiner anderen Herrschaft als der meines Vaters im Himmel; hier werde ich das tun, was Er mir befiehlt, und keine Macht der Welt wird mich hindern.

Als die letzten Sätze des Ne’illa-Gebetes – „Höre Israel“, „Gesegnet der Name“ und „Haschem ist G-tt“ – gerufen waren, nahm ich den Schofar und blies einen langen, schallenden Ton. Alles geschah sehr schnell. Viele Hände ergriffen mich. Ich nahm den Tallit von meinem Kopf, und vor mir stand der Polizeikommandant, der meine Verhaftung anordnete.

Ich wurde zur sogenannten „Kischla“ gebracht, dem Gefängnis in der Altstadt, ein arabischer Polizist wurde eingesetzt um mich zu bewachen. Viele Stunden vergingen. Ich bekam weder Essen noch Wasser, damit ich das Fasten hätte brechen können. Um Mitternacht erhielt der Polizist einen Befehl mich freizulassen, und er entließ mich ohne ein Wort.

Als ich aus der Tür trat, traf ich eine Gruppe junger Männer von der Yeshivat Mercaz HaRav, der von Rav Kook gegründeten Jerusalemer Yeshiva.[1] „Meine Freunde“, rief ich ihnen zu, „was tut ihr hier um Mitternacht?“

Sie erzählten mir, daß gleich als ich den Shofar geblasen hatte, einige Mercaz HaRav Schüler davoneilten um es Rav Kook zu berichten. Der Oberrabbiner freute sich zu hören, daß jemand Shofar geblasen hatte aber war betrübt über meine Verhaftung.

All das geschah, bevor Rav Kook sein Fasten gebrochen hatte. Er aß nicht sondern kontaktierte sofort den Sekretär des Hochkommissars von British Palestine, und verlangte meine Freilassung. Nachdem seine Bitte abgeschlagen wurde, erklärte er, dass er nicht sein Fasten brechen würde, bis ich frei war. Der Hochkommissar widersetzte sich viele Stunden, doch letztlich hatte er aus Respekt vor Rav Kook, keine andere Wahl, als mich freizulassen.

Die nächsten 18 Jahre, bis zur jordanischen Eroberung der Altstadt im Jahr 1948, wurde jeden Jom Kippur am Kotel der Schofar geblasen.[2] Die Briten verstanden die Bedeutung dieses Blasens sehr wohl; sie wussten, dass es letztlich ihre Herrschaft über unser Land zerstören wird, so wie die Mauern Jerichos vor dem Schofar Joschuas einstürzten, und sie taten alles in ihrer Macht, es zu verhindern. Doch jeden Jom Kippur, wurde der Schofar geblasen von Männern, die wussten, dass sie verhaftet werden würden dafür, dass sie an der Deklaration unseres Anspruches auf unseren heiligsten Besitz teilhatten.

Nachsatz der Zeitschrift Arutz Sheva:

Rabbi Moshe Segal war einer der ersten Juden, die nach der Befreiung 1967 in die Jerusalemer Altstadt zogen.

Unmittelbar nachdem die Fallschirmjäger die Altstadt erobert hatten kam Segal dort an, fest entschlossen hier seine Wohnung zu beziehen. Die Wachsoldaten zögerten, ihn hineinzulassen, und erklärten, keine Verantwortung für seine Sicherheit übernehmen zu können.

Segal erwiderte, er vertraue für seine Sicherheit auf eine Höhere Macht.

„Wir haben ein Geschenk von G"tt empfangen“, rief er aus. „Erwartet ihr wirklich von mir, draußen zu bleiben, während die Araber immer noch drinnen sind?“ Schlußendlich wurde er von einem gepanzerten Jeep durch die Straßen begleitet. Es war ihm unvorstellbar, daß Jerusalem wiederveinigt werden könnte, ohne daß ein einziger Jude im Jüdischen Viertel lebte.

Zum Ende des Yom Kippur in jenem Jahr blies Rabbi Segal wieder den Shaofar am Kotel. Diesmal hatte er keine Angst, von britschen Ppoolizisten verhaftet zu werden.

Rabbi Segal verschied im Jahr 1985 – am Yom Kippur. Wie auch Rav Kook ist er im alten Friedhof auf dem Ölberg begraben.

Aus dem Hebräischen von Yanki Tauber.

Quelle: Chabad.org in der Fassung von Arutz Sheva mit Ergänzungen aus dem Buch „An Angel Among Men“, S. 220–221, und „The Man Who Sounded the Shofar“, In Jerusalem, 5/10/2007. Übersetzung von Chabad Deutschland .

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Rabbi Segal hatte nach seiner Ankunft in Israel 1924 eine Zeitlang an der Yeshiva Mercaz HaRav studiert.     Zurück
2
Tatsächlich war Segal entschlossen, das Blasen des Shofar am Yom Kippur zu einer jährlichen Tradition werden zu lassen. Er half oft dabei, diese Einsätze zu planen und bereitete junge Männer auf das Shofarblasen vor. Weil es jedes Jahr andere junge Männer waren, erkannten die Briten sie nicht und konnten sie nicht im voraus gefangennehmen.     Zurück