Wo kämen wir hin, wenn jeder alles lesen dürfte?

2020-09-03

Eine Zensur findet doch statt (IV)

In diesem Fall ist es genau umgekehrt. Es wird nicht zensiert und gerade das ist für deutsche Haltungsjournalisten ein großes, anzuprangerndes Problem.

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Was ist die Aufgabe eines Händlers resp. Verkäufers und was ist die Funktion eines Kataloges? Geht es darum, dem Kunden zu liefern, was er verlangt, und zu zeigen, was alles im Markt tatsächlich angeboten wird? Natürlich nicht! „Wir wissen was gut für dich ist.“ Die Aufgabe eines verantwortungsvollen Händlers ist, dem Kunden genau das zuzuteilen, was die Parteileitung für ihn ausgewählt und für gut befunden hat. Wo kämen wir denn hin, wenn eine Liste ohne jede Wertung einfach nur aufzählte, was es gibt, und dem Leser und Kunden selbst die Auswahl überließe? Der könnte dann doch glatt das falsche kaufen und die Aufgabe des geschulten Literaturkaders ist, genau das zu verhindern

Das folgende fand ich in der heutigen Ausgabe des Bildblog:

So penetrant empfiehlt Amazon den Kauf von Verschwörungsliteratur

(netzpolitik.org, Sebastian Meineck & Daniel Laufer)

Sebastian Meineck und Daniel Laufer haben das Amazon-Empfehlungssystem ausprobiert und sich, ausgehend von einem Corona-Buch der Rechercheplattform “Correctiv”, durch die Empfehlungen geklickt. Die Bilanz: Von erfassten 355 Empfehlungen seien 124 einschlägige Verschwörungsliteratur und 56 impfskeptisch bis impffeindlich gewesen. Auch andere Stichproben hätten beunruhigende Ergebnisse gezeigt. “Wir haben Amazon per E-Mail die Ergebnisse unserer Recherche vorgelegt und eine Liste mit zehn Fragen geschickt. Unter anderem wollten wir wissen, ob dem Konzern das Ausmaß von rechtsextremen und verschwörungsideologischen Inhalten in seinen Suchergebnissen und Empfehlungen bekannt sei. Wir fragten auch, inwiefern Amazon die Verbreitung dieser Bücher eindämme. Keine einzige unserer Fragen wollte der Konzern beantworten.”

Übrigens, die wichtigste Begründung für die deutsche Buchpreisbindung ist die Pflicht und Bereitschaft jedes Händlers, dem Kunden jedes lieferbare Buch ohne Aufpreis zu besorgen und anzubieten. Aus anderen Ländern weiß ich, daß eben das dort keineswegs überall üblich und selbstverständlich ist. Und ganz nebenbei: „impfskeptisch bis impffeindlich“ war mindestens vor 25 Jahren die strikte Grundhaltung der Waldorfkindergärten und -schulen und weiter Kreise der Grün-Alternativen. Wie genau es heute damit ist, kann ich mangels Enkeln nicht beurteilen.

Gut passend dazu fand sich in derselben Ausgabe gleich auch dieses:

Erstaunliche Vorstellungen

(taz.de, Peter Weissenburger)

In einer Studie zur “Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in der Schule” (PDF) zeigten sich beim Medienverständnis der befragten Lehrerinnen und Lehrer beunruhigende Ansichten. Viele der Lehrkräfte würden bezweifeln, dass es eine freie Presse gebe, und stünden den Medien ablehnend oder feindselig gegenüber. Peter Weissenburger kommentiert: “Es mag gerade nicht die beste Zeit sein, um Lehrkräfte aufzufordern, sie mögen jetzt bitte noch die ein oder andere Fortbildung machen. Andererseits war die Bedeutung von Nachrichtenkompetenz selten so groß wie gerade.”

Wenn die Parteileitung bei Kadern auf falsche Ansichten stößt, dann ist sofort ein ein Agitations- und Propagandabend anzusetzen, um die richtige Linie zu erklären. Das kenne ich als überbehüteter Wessi zwar nur aus aus zweiter Hand aber dennoch nur zu gut.

Interessant zu beobachten ist hier auch, daß der Bildblog das genaue Gegenteil seiner Quelle taz vermittelt:

Bildblog:

Viele der Lehrkräfte würden bezweifeln, dass es eine freie Presse gebe

taz:

Derweil gaben 40 Prozent an, Medien seien dafür da, „die Bevölkerung für bestimmte Anliegen zu mobilisieren“. 10 Prozent sagten, dass Medien „die Meinungsbildung im Sinne der Regierung lenken“ sollen, 6 Prozent, dass Medien Nachrichten „zurückhalten sollen, wenn die Gefahr besteht, dass dadurch die öffentliche Meinung negativ beeinflusst wird“.

Oder meint der Bildblog mit „ablehnend“ den ungeheuerlichen Verdacht, die verantwortungslosen Medien könnten einfach nur objektiv und ohne jede Erziehungsverantwortung rein sachlich berichten, was ist? Das allerdings wäre eine ungeheuerliche Anschuldigung, von der ich den Großteil unserer Medien hiermit ausdrücklich freisprechen will.

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