Hanau und die Gesellschaft, in der es geschehen konnte

2020-02-21

Brief an eine junge Aktivistin

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Liebe …,

seit vielen Jahren habe ich nicht nur in unseren Gesprächen immer wieder betont, daß die Täter, die linksradikalen, die antisemitischen und die islamistischen, nicht das Entscheidende sind. Trotz aller Folgen für die jeweils Betroffenen bleiben sie Einzelfälle. Entscheidend für die Mehrheit, für die Gesellschaft als ganze, sind die anderen.

Du kennst die RAF von 1977 nur aus dem Spiegel, ich habe sie, wenn auch unkritisch[1], selbst erlebt. Die „klammheimliche Freude“, die Du nur als eine immer wieder zitierte Sentenz eines Einzelnen kennst, war damals die Grundstimmung einer ganzen Generation. Ich war dabei, das Mitlaufen geht dem Nachdenken voraus. Die Straßenfeste nach Terroranschlägen und die bleibende Heldenverehrung für die Täter nicht nur in der Westbank sind bekannt. Das, nicht die Taten selbst, winzige Spitzen eines großen Eisberges, ist das Entscheidende und das Gefährliche daran.

Wo ist auch nur ein einziger, der von der Tat in Hanau nicht entsetzt wäre, der sie nicht von ganzem Herzen verachtet und verabscheut und der sie den Opfern und ihrem Umfeld gewünscht und gegönnt hätte? Das, und nur das, ist der entscheidende Punkt und der grundlegende Unterschied.[2]

Dennoch hat ein solcher, in einem bürgerlichen Rechtsstaat kaum möglicher Ausbruch Ursachen und es ist zu fragen, wo er herkommt. Uwe Becker, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, schreibt dazu:

Der schreckliche Anschlag von Hanau zeigt erneut, dass der rechtsextreme Terror seinen Worten längst auch Taten folgen lässt. Der gerade in den sozialen Medien tobende Hass findet immer häufiger den Weg aus dem virtuellen Kampf gegen das friedliche Miteinander unserer Gesellschaft in die reale Mitte unseres Zusammenlebens hinein. Wie weit einzelne Täter dabei besonders „verwirrt“ oder „krank“ erscheinen, spielt dabei keine Rolle und sollte auch nicht als beschwichtigende Relativierung durchgehen.

Recht hat er,[3] auch wenn nicht übersehen werden kann, daß genau diese von ihm zu recht abgelehnte Entschuldigung bei Tätern mit anderem Hintergrund stets kritiklos akzeptiert wird und alle weiteren Fragen erstickt. Nie wird gefragt, wer denn wie und wozu eben diese Krankheit und Verwirrtheit Einzelner lenkt und sich zunutze macht.

Die anonymen „sozialen Medien“ sind in Wahrheit für den Staatsschutz und alle mit Zugriff auf Hintergrunddaten gar nicht anonym. Sie täuschen den Eindruck nur vor und befördern damit absichtlich und vorsätzlich die Verrohung der Sitten. Dieser Zustand ist bewußt und aktiv von der Politikelite geschaffen worden, die jeden Versuch einer Real-Name-Pflicht im Keim von oben zunichte macht.

Dieser Sumpf, der die gedankenlose gegenseitige Aufstachelung und das gegenseitige Übertrumpfen in Abscheulichkeiten befördert, wird ganz bewußt nicht ausgetrocknet, auf keiner Seite, weil nur Massen nicht aber unabhängig denkende Einzelne von oben lenkbar sind.

Um den einleitenden Satz zu wiederholen: Nie habe ich bei terroristischen Gewalttaten auf den Einzelnen gesehen, der sie verübt, sondern immer darauf, wie die Gesellschaft reagiert, aus der er stammt, der er sich und die sich ihm zugehörig fühlt. Genau dasselbe tue ich auch hier.

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1

Alles, das man in der Jugend erlebt, ist „normal“, man kennt ja noch nichts anderes, mit dem man es vergleichen könnte.     Zurück

2

In Deutschland werden die Häuser von gewählten Kommunal- und Landespolitikern beschmiert, deren Autos angezündet, deren Kinder bedroht und sie selbst vor den Augen einer unbeteiligt dabeistehenden Öffentlichkei an Wahlständen körperlich angegriffen und krankenhausreif verprügelt. Ein Presseecho bleibt aus oder stimmt sogar zu.

Die einseitige und auf einem Auge blinde veröffentlichte Wahrnehmenung war vor jetzt 14 Jahren der Anlaß einiger meiner ersten Beiträge im Netz, obwohl ich dort eigentlich etwas ganz anderes zum Thema machen wollte.     Zurück

3

Es für die obigen Überlegungen irrelevant, aber möglicherweise stimmt nicht einmal das. Die Autoren des Blogs „Kopten ohne Grenzen “ haben sich mit dem sogenannten Bekennervideo auseinandergesetzt. Sie schreiben:

„Der Mann spricht ganz passabel englisch und richtet sich an die US-amerikanische Bevölkerung.“

„Die Massenmedien behaupten, dieses am 14. Februar 2020, also fünf Tage vor der Mordtat, veröffentlichte Nachricht sei ein „Bekennervideo“, das mit dem Geschehen in Hanau in einem Zusammenhang stehe. Diese Auskunft ist offenbar falsch. Die Videobotschaft richtet sich nicht an die deutsche, sondern an die amerikanische Öffentlichkeit, die zum Kampf gegen die Regierung Donald Trump aufgerufen wird.“

„Der Text dieses Videos hört sich nicht nach Rechtsradikalität, sondern nach völliger verschwörungstheoretischer Verwirrung an. Der Täter, dessen Vater wohl bei den Hanauer Orts-Grünen politisch aktiv ist, hat [ein] „Manifest“ hinterlassen. Dieses zeigt das Ausmaß seiner Irrationalität und psychischen Erkrankung.“     Zurück